Einleitung
In vielen Teilen der Welt, insbesondere in den Tropen und Subtropen, sind Schlangenbisse eine ernsthafte Gesundheitsgefahr. Es kommt weltweit jährlich zu 1,8 bis 2,7 Millionen Vergiftungen durch Schlangenbisse, von denen zwischen 81.000 und 138.000 tödlich verlaufen – das entspricht einer Sterblichkeitsrate von etwa 5 %. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sie deswegen 2017 auf die Liste der vernachlässigten Tropenkrankheiten aufgenommen. Besonders betroffen sind Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten oder leben, wo Schlangen in der Nähe von Wohnhäusern nach Nahrung wie Nagetieren oder Hühnern suchen.

Terciopelo-Lanzenotter (Bothrops asper) - Kolumbien

Buschmeister (Lachesis acrochorda) - Kolumbien. Bilder freundlicherweise von Alexander Neugebauer zur Vergügung gestellt.
Giftschlangen beißen nicht, um Menschen anzugreifen, sondern fast ausschließlich zur Verteidigung, wenn sie sich bedroht fühlen. Dabei gibt es defensivere und aggressivere Arten. Für die Tiere ist die Herstellung des Giftes ein ressourcenaufwendiger Prozess, sodass sie es eher für die Jagd auf ihre Beute einsetzen. Hauptsächlich aus diesem Grund kommt es immer wieder bei Verteidigungsbisse zu dry bites, bei denen kein Gift abgegeben wird. Trotzdem kann es an der Bissstelle zu Infektionen, auch Tetanus, kommen.
Durch angemessene Prävention, sowie schnelle und sachgerechte Erste Hilfe kann das Risiko schwerer Vergiftungen und Todesfälle jedoch deutlich gesenkt werden.
Schlangengifte und ihre Wirkung auf den Körper
Die meisten für Menschen gefährlichen Giftschlangen gehören zu zwei großen Familien:
Vipern (Viperidae) – dazu zählen Klapperschlangen, Puffottern und Sandvipern
Giftnattern (Elapidae) – darunter Kobras, Mambas und Korallenottern
Vipern-Gifte: Hämatotoxische Wirkung
Vipern besitzen ein Gift, das hauptsächlich hämatotoxisch wirkt. Dies bedeutet:
- Es führt zu Blutgerinnungsstörungen und Gefäßschäden.
- Äußere Anzeichen können Zahnfleischbluten, Bluthusten, Blutungen in der Haut oder Blut im Urin sein.
- Innere Blutungen, insbesondere im Gehirn, können lebensgefährlich sein und neurologische Symptome wie Verwirrung oder Bewusstseinsstörungen auslösen.

Vertreterin der Vipern: Greifschwanz-Lanzenotter (Bothriechis schlegelii) - Kolumbien. Bild freundlicherweise von Alexander Neugebauer zur Vergügung gestellt.
Giftnattern-Gifte: Neurotoxische Wirkung
Giftnattern haben vor allem neurotoxische Gifte, die das Nervensystem beeinflussen:
- Sie blockieren die Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln.
- Erste Symptome sind hängende Augenlider und Doppeltsehen.
- Im weiteren Verlauf treten Muskellähmungen auf, die schließlich zum Atemstillstand führen können.

Vertreterin der Giftnattern: Vielbinden-Korallenotter (Micrurus mipartitus) - Kolumbien. Bild freundlicherweise von Alexander Neugebauer zur Vergügung gestellt.
Einige Schlangen kombinieren hämatotoxische und neurotoxische Komponenten, was die Behandlung zusätzlich erschwert. Häufig kommt es zusätzlich durch Zellgifte zu einer schmerzhaften lokalen Gewebezerstörung an der Bissstelle, die eine chirurgische Versorgung nötig macht. An dieser Stelle kann es auch zu einer bakteriellen Infektion kommen, die sich als Blutvergiftung (Sepsis) auf den Körper ausbreitet und selbst lebensgefährlich wird. Da das Schlangengift hauptsächlich aus Eiweißen besteht, hat es zudem das Potenzial schwerste allergische Reaktionen auszulösen.
Vorbeugung: Wie schützt man sich vor Schlangenbissen?
Der beste Schutz vor einem Schlangenbiss ist, ihn zu vermeiden. Folgende Maßnahmen helfen:
- Uneinsichtige Wege mit Stock abklopfen
- Nachts den Weg ausleuchten
- Nicht in Erdlöcher oder unter Steine und Holz fassen
- Vorsicht am Morgen und Abend – Schlangen sind dann besonders aktiv
- Vorsicht nach Regenfällen und Überschwemmungen
- Bei hohem Risiko: Lange Kleidung, Gamaschen, Handschuhe bieten zum Teil Schutz. Die Hosenbeine können von innen ausgestopft werden.
- Knöchelhohe, geschlossene Schuhe tragen
- Schuhe über Nacht umgekehrt auf Stöcke hängen oder Socke darüberstülpen
- Vor dem Anziehen Schuhe ausschütteln und kontrollieren
- Schlafen unter Moskitonetz
- Nicht im geschlossenen Schlafsack auf dem Boden schlafen. Besser: Offener Schlafsack, damit sich Schlangen im Schlafsack bei Bewegungen in der Nacht wieder davon schlängeln können.
- Das Camp sauber halten, um Nagetiere und damit Schlangen fernzuhalten
- Achtung: Tote Schlangen können noch eine Beißreflex haben!
- Sich über die Schlangenarten in der Region informieren
- Medizinische Infrastruktur vor Reiseantritt kennenlernen
- Tetanus-Impfung auffrischen (alle 10 Jahre)

Eine Hängematte mit Moskitonetz schützt nicht nur vor lästigen Mücken, sondern auch vor Schlangen im Schlafsack.
Erste-Hilfe-Maßnahmen bei einem Schlangenbiss
Ein Schlangenbiss ist nicht zwangsläufig lebensbedrohlich. Etwa 30 % aller Bisse stammen von ungiftigen Schlangen, und sogar Giftschlangen geben in ca. 25 % der Fälle bei Verteidigungsbissen kein Gift ab ("Dry Bites"). Bei einem Biss gilt deswegen: Ruhe bewahren! Auch wenn das Gift sehr schmerzhaft ist, ist es in den seltensten Fällen tödlich.
Aufkommende Angst und Panik kann gefährlich sein. Herzfrequenz und Blutdruck steigen, was dazu führt, dass das Gift schneller im Körper verteilt wird. Entsprechend sollten Helfer beruhigend auf den Verletzten einwirken.
Früher hat man gesagt, man solle die Wunde aufschneiden und das Gift raussaugen. Heute weiß man, dass das Gift dadurch noch stärker im Gewebe verteilt wird, es zu Infektionen und Wundheilungsstörungen kommt. Deswegen gilt: Nicht aufschneiden, nicht aussaugen – weder mit dem Mund noch mit einer Pumpe! Die Bissstelle selbst wird einfach desinfiziert und ein steriler Verband angelegt. Weitere Manipulationen an der Wunde sind zu vermeiden.

Zum Eigenschutz die Schlange im Auge behalten - wenn möglich aus dem Gefahrenbereich zurückziehen.

Ein Gegengift steht uns unterwegs nicht zur Verfügung, da dieses sehr spezifische für die verschiedenen Tierarten ist und man nicht für jede Eventualität eines mitnehmen kann. Außerdem müssten diese unterwegs zum Teil gekühlt werden und führen bei Anwendung oft zu allergischen Reaktionen.
Die verschiedenen Gifttierarten geben ganz unterschiedliche Gifte ab, die im Körper verschiedene Wirkungen entfalten. Dies kann zu Atemstörungen und Bewusstlosigkeit führen. Deswegen wird die gebissene Person auf einer Isomatte auf den Rücken gelegt, damit sie sich bei einer möglichen Bewusstlosigkeit beim Sturz nicht verletzt. Sollte die Person Ringe, Uhren oder Schals anhaben, müssen diese ausgezogen werden, da es sonst zu tiefen Abschnürungen kommen kann, da das Gewebe anschwellen könnte. Die Bissstelle sollte dabei nicht höher sein als das Herz, damit sich das Gift nicht so schnell im Körper verteilt. Um die Ausbreitung des Giftes entlang der Lymphgefäße weiter zu verlangsamen, sollte die Extremität immobilisiert werden. Das heißt, es sollte eine Schienung wie bei einem Knochenbruch erfolgen. Die betroffene Extremität darf nicht abgebunden werden, da dies das Risiko zu sterben bzw. für Langzeitschäden deutlich erhöht.
Beim Anschwellen der Bissstelle tritt Flüssigkeit aus dem Blut ins Gewebe. Damit ist im Blut weniger Flüssigkeit. Diese sollte ausgeglichen werden. Ist der Verletzte wach und hat noch einen Schluckreflex, sollte langsam klares Wasser zum Trinken gegeben werden. Essen sollte der Verletzte nichts, da die Gefahr besteht, dass dies bei Bewusstlosigkeit in die Atemwege gelangt, wenn sich der Verletzte erbricht.
Neben der eigentlichen Giftwirkung kommt es häufig zusätzlich zu einer allergischen Reaktion. Diese kann lokal begrenzt mit Rötung, Schwellung und Juckreiz auftreten, kann jedoch auch bis zu einem allergischen Schock führen.
Der Verletzte sollte kontinuierlich betreut und die Vitalzeichen des Verletzten überwacht werden. Sollte die Atmung aussetzten, aber der Puls noch vorhanden sein, wird der Verletzte mit zehn Atemspenden pro Minute beatmet. Dies kann über einen längeren Zeitraum nötig sein und das Überleben sichern.
Dos: Richtige Maßnahmen ✔
Don’ts: Fehler, die vermieden werden sollten ❌

Das Problem mit Gegengiften (Antivenine)
Gegengifte sind die einzige spezifische Behandlung gegen Schlangengift. Sie werden durch Immunisierung von Tieren wie Pferden hergestellt, sind jedoch teuer, haben eine begrenzte Haltbarkeit und müssen unter ärztlicher Aufsicht intravenös verabreicht werden. Zudem besteht das Risiko schwerer allergischer Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock.
In vielen ländlichen Regionen mit hoher Schlangenbissrate sind Gegengifte oft nicht verfügbar oder zu teuer. Die sogenannte "Antivenin-Krise" ist ein bedeutendes globales Gesundheitsproblem.
Besonderheit: Speikobras
Einige Kobra-Arten können ihr Gift gezielt Richtung Augen auf eine Entfernung von bis zu drei Metern spritzen. Wenn es in die Augen gelangt, kann es zu schweren Entzündungen oder sogar Blindheit führen. In solchen Fällen sollten die Augen sofort mit viel klarem Wasser ausgespült werden. Zur Prävention kann eine Schutzbrille dienen. Auf der intakten Haut ist dieses Gift ungefährlich.
Seeschlangen: Hochgiftige, aber friedfertige Meeresbewohner
Seeschlangen sind ehemalige Landtiere mit Lungen, die bis zu zwei Stunden unter Wasser bleiben und über 100 Meter tief tauchen können. Etwa 20 % ihres Sauerstoffbedarfs decken sie dabei über ihre Haut. Man unterscheidet Ruderschwanz-Seeschlangen, die lebend gebären und ständig im Wasser leben, sowie Plattschwanz-Seeschlangen, die Eier an Land legen und dort ruhen.
Obwohl alle Seeschlangen hochgiftig sind, gelten sie als friedfertig. Bissunfälle passieren meist durch Beifang beim Fischen mit Netzen oder unvorsichtiges Greifen in Spalten z.B. beim Fangen von Langusten. Begegnet man im Wasser einer Seeschlange, sollte man ruhig bleiben – sie erkundet oft nur neugierig und zieht sich dann zurück. Nach dem schmerzarmen Biss ist es lebenswichtig, sofort das Wasser zu verlassen und die oben beschrieben Maßnahme zu ergreifen.
Giftschlangen in Deutschland
Die Aspis-Viper (Vipera aspis) hat ein sehr kleines Verbreitungsgebiet im Südwesten Deutschlands. Die Kreuzotter (Vipera berus) hingegen ist weit verbreitet und die einzige Schlangenart, die bis über den nördlichen Polarkreis vorkommt. In Deutschland finden sich auf den Inseln Hiddensee und Rügen größere Populationen. Sie bevorzugt Heide- und Moorlandschaften sowie lichte Wälder.

Hiddensee: Bei der Kreuzotter beliebte Heidelandschaft mit Dünen und Salzwisen.
Obwohl die Kreuzotter als scheu gilt und meist vor Menschen flieht, kommt es jedes Jahr zu mehreren Bissvorfällen. Ihr Gift kann starke Schmerzen, Schwellungen und Kreislaufprobleme verursachen. In schweren Fällen sind intensive medizinische Behandlungen erforderlich. Der letzte bekannte Todesfall ereignete sich 2004, als eine 81-jährige Frau auf Rügen nach einem Biss verstarb. 2023 kam es zu einer schwerwiegenden Schlangenbissvergiftung bei einem 62-jährigen Jäger in Dänemark mit einer Kreuzotter. Lese hier den ganzen Fallbericht.
Zur Behandlung schwerer Vergiftungen steht an Universitätskliniken eine Gegengift-Mischung für alle europäischen Vipern bereit. Dennoch sind Todesfälle äußerst selten, da die Kreuzotter ihr Gift sparsam einsetzt und die meisten Bisse für gesunde Erwachsene nicht lebensbedrohlich sind.
Skorpione und Spinnen
Skorpione sind nachtaktiv und verbergen sich tagsüber unter Steinen und Blättern. Mit etwa 1.500 bekannten Arten sind sie weltweit verbreitet, vor allem in Amerika, Afrika, dem Nahen Osten und Indien. Nur rund 50 Arten gelten als hochgiftig. Diese können mit ihren Stichen schwere Symptome wie Muskellähmungen und Atemstillstand verursachen. In den meisten Fällen treten jedoch lediglich lokale Reaktionen oder allergische Beschwerden auf.


Spinnen sind grundsätzlich giftig, da sie ihr Gift nutzen, um ihre Beute zu lähmen. Ihre Kauwerkzeuge sind jedoch so beschaffen, dass sie selten die menschliche Haut durchdringen. Größere Spinnen sind nicht unbedingt giftiger als kleinere Arten. Das Gift stellt für den Menschen in den meisten Fällen keine ernsthafte Gefahr dar; Bisse verursachen oft nur Schmerzen, vergleichbar mit einem Wespenstich. In einigen Fällen können jedoch lokale Reaktionen oder allergische Reaktionen auftreten. Die Behandlung eines Skorpionstichs und Spinnenbisses erfolgt wie bei einem Schlangenbiss.
Fazit
Schlangenbisse sind in tropischen und subtropischen Regionen eine ernstzunehmende Gefahr, aber mit dem richtigen Wissen können sie vermieden und im Notfall richtig behandelt werden. Wer in gefährdete Gebiete reist, sollte sich über die lokale Schlangenpopulation informieren, geeignete Schutzmaßnahmen ergreifen und wissen, wie er im Ernstfall handeln muss. Die wichtigste Regel bleibt: Ruhe bewahren, den Biss nicht manipulieren und so schnell wie möglich professionelle medizinische Hilfe aufsuchen.
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