Survival-Prioritäten

Wer versucht, das „Phänomen Überleben“ zu verstehen, stößt früher oder später auf die Frage, was Leben eigentlich ist. Dazu gibt es zahlreiche Perspektiven. Wenn ich von Survival spreche, beziehe ich mich auf das Leben eines menschlichen Individuums. Aus thermodynamischer Sicht ist der Mensch ein offenes chemisches System, das ständig Stoffe und Energie mit seiner Umgebung austauscht. Damit die Körperfunktionen wie Denken, Bewegen, Verdauen und Schutz vor Krankheitserregern aufrecht erhalten bleiben, muss Energie aus Nahrung im Körper in eine Art universelle Energieeinheit umgewandelt werden, um für die Körperfunktionen verfügbar zu sein. Dabei wird gleichzeitig Sauerstoff in Kohlendioxid umgewandelt. Dieser Prozess benötigt eine definierte Temperatur und findet in den Zellen statt, kleine umschlossene chemische Reaktionsräume. Für den Transport der Stoffe durch den Körper und in den Zellen braucht es Wasser. Es entsteht ein fein reguliertes Fließgleichgewicht, in dem kontinuierlich Energie für Lebensprozesse bereit gestellt wird. Dadurch gelingt es dem Organismus, große Schwankungen der äußeren Bedingungen abzufedern und das innere Gleichgewicht innerhalb enger Grenzen konstant zu halten.

Aus diesem physiologischen Verständnis von Survival lassen sich die vier primären Überlebensprioritäten ableiten:

Die symbolische Darstellung der Survival-Prioritäten durch die vier Elemente in einem Ensō.

Um in einer Notlage aktiv das innere Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, sind Überlebenskompetenzen notwendig. Diese umfassen Kenntnisse, Erfahrungen und Fähigkeit der vier primären Überlebensprioritäten und der daraus abgeleiteten weiteren Themenfelder.


1. Sauerstoff

Im Alltag müssen wir uns nicht mit Sauerstoff beschäftigen. Er scheint allseits verfügbar zu sein. Unsere Umgebungsluft enthält rund 21 % Sauerstoff. In der Ausatemluft sind immer noch 17 % Sauerstoff enthalten. Wir verbrauchen also gerade mal 4 % pro Atemzug. Vereinfacht lässt sich sagen, dass der Luftdruck den Sauerstoff in der Lunge ins Blut „drückt“. Im Blut bindet der Sauerstoff an die roten Blutkörperchen. Das Blut wird dann durch das Herz im Körper verteilt. Im Gewebe gelangt der Sauerstoff dann von den Blutkörperchen in die Körperzellen, wo er verbrannt wird.

Je niedriger der Luftdruck ist, desto weniger Sauerstoff kommt im Körper an. Auch in den Bergen besteht wie im Tal die Luft aus 21 % Sauerstoff. Doch je höher wir aufsteigen, desto mehr nimmt der Luftdruck ab. Auf 5500 m Höhe beträgt der Sauerstoffteildruck gerade einmal die Hälfte, auf 8500 m nur noch ein Drittel verglichen mit der Meereshöhe. Entsprechend ist in großer und extremer Höhe das unmittelbare Überleben direkt vom Sauerstoff abhängig.

Aletschhorn 09/2018. Mit 4193 Meter über Null zählt dieser Gipfel zur großen Höhe.

Auch beim Apnoe-Tauchen, also dem Tauchen nur mit angehalter Luft, spielt das Wissen um die menschliche Physiologie eine entscheidende Rolle. Für mich ist das Speerfischen eine willkommene Möglichkeit, auf Touren an leckere Meerestiere zu gelangen. Wer sich für die Unterwasserjagd entscheidet oder aus sonstigen Gründe auf dem Wasser unterwegs ist, sollte die Grenzen seines Körpers kennen und wissen, wie das Zusammenspiel von Sauerstoff und Kohlendioxid im Körper wirkt. Sonst kann es zu plötzlicher Bewusstlosigkeit mit Todesfolge unter Wasser kommen, z.B. dem Flachwasser-Blackout.

Unterwasserjagd Korsika 09/2020

Auch der Waldläufer kann mit dem Thema Sauerstoff Probleme bekommen. In einem Feuer und auch in der Glut entsteht bei den Verbrennungsvorgängen neben Kohlendioxid auch Kohlenmonoxid. Dieses farb- und geruchlose Gas bindet ca. 250-mal besser an die roten Blutkörperchen als Sauerstoff. Entsprechend blockiert das Gas im Blut die roten Blutkörperchen, sodass dort kein Sauerstoff mehr gebunden werden kann. Dies kann zu einem inneren Ersticken führen da der Sauerstoff nicht mehr von der Lunge in die Körperzellen transportiert werden kann. Beim gemütlichen Sitzen am Lagerfeuer wird das nicht gefährlich. Doch wer in einem geschlossenen Shelter ein kleines Wärmefeuer anmacht, kann daran sterben!

In der Notfallmedizin und Ersten-Hilfe spielt Sauerstoff eine ganz zentrale Rolle. Bei einem Bewusstlosen sind alle Muskeln schlaff. Das führt dazu, dass in der Rückenlage der Zungengrund nach hinten rutscht und die Atemwege verlegt. Um diese freizuhalten, muss der Kopf überstreckt werden. Die zweite große Gefahr der Bewusstlosigkeit ist, dass die Schutzreflexe nicht mehr funktionieren. So kann es z.B. passieren, dass Erbrochenes oder Blut in die Atemwege fließen. Um das zu verhindern, wird der Kopf zur Seite gedreht. Diese zwei Maßnahmen bei einem Bewusstlosen, den Kopf überstrecken und zur Seite drehen, werden in der stabilen Seitenlage kombiniert. Letztlich machen wir die stabile Seitenlage nur, damit am Ende der Kopf richtig liegt, um die Atemwege für den Sauerstoff freizuhalten.

Der Survivalpriorität Sauerstoff begegnen wir durch Wissen über Physik und Physiologie, sowie Vorbereitung und Taktik für die zu erwartenden Herausforderungen. Das kann in den Bergen die Akklimatisation sein, beim Apnoe-Tauchen entsprechendes Atemtraining.


2. Wärme

Unsere Körperkerntemperatur liegt zwischen 36 und 37 °C. Sie unterliegt leichten Schwankungen im Tagesverlauf und bei Frauen im Verlauf des Zyklus. Während im Rumpf und Schädel die Temperatur in diesem engen Bereich konstant gehalten wird, schwankt die Temperatur in der äußeren Schale des Körpers je nach Außentemperatur. Die Temperatur wird konstant gehalten, solange Wärmebildung und Wärmeabgabe im Gleichgewicht sind. Sinkt die Körperkerntemperatur ab, sprechen wir von Unterkühlung. Draußen, den Umweltbedingungen ausgesetzt, drohen wir schnell zu unterkühlen, da wir mehr Wärme an die Umgebung abgeben als gebildet wird. In der Wildnis ist Unterkühlung der Killer Nummer eins! Dabei gibt unser Körper auf vier Wege Wärme an die Umgebung ab:

  • Direkter Kontakt mit kühleren Oberflächen wie dem Waldboden (Konduktion). Um diesen Wärmetransport zu verringern, verwenden wir Isomatten beim Übernachten draußen.
  • Strömungstransport, also dem direkten Vorbeiströmen von Luft oder Wasser am Körper (Konvektion). Unser Körper ist ständig von einer Luftschicht umgeben, die vom Körper erwärmt wurde. Diese Luftschicht kann durch Luftpolster wie Wollpullover, Daunenjacken oder Schlafsäcke vergrößert werden. Kommt Wind auf, wird durch den Strömungstransport diese warme Luftschicht weggeblasen. Es fühlt sich kühler an und insgesamt wird mehr Wärme an die Umgebung abgegeben. Der Unterschied zwischen gemessener Lufttemperatur und  gefühlter Temperatur in Abhängigkeit von der Windgeschwindigkeit wird auch Windchill genannt.
  • In der Regel wird der größte Teil der Wärme durch Strahlung abgegeben. Eine große Hilfe gegen Unterkühlung stellt hier eine Rettungsdecke dar, die einen Großteil der Wärmestrahlung reflektiert.
  • Die drei bisher genannten Arten der Wärmeabgabe funktionieren nur, wenn ein Temperaturgefälle zwischen der Haut und Umgebung besteht. Steigt die Außentemperatur über die Körpertemperatur, wird Wärme nur noch über Verdunstung abgegeben. Ein großer Evolutionsvorteil von uns Menschen war es, dass wir schwitzen und so ausdauernd laufen und jagen können. Wenn Wasser seinen Zustand von flüssig in gasförmig verändert, wird dabei Wärme entzogen, was wir als kühlende Verdunstung kennen. So lassen sich bei großer Hitze Wasserkanister mit einem nassen Lappen kühl halten.

Eine Rettungsdecke schützt effektiv gegen Auskühlung. Allerdings isoliert sie nicht gegen den kalten Boden!

Feuer zu entfachen ist eine wichtige Basis-Kompetenz.

Verletzte sind besonders gefährdet schnell auszukühlen, z.B. weil sie auf dem Boden liegen, nicht mehr aktiv selbst ihre Wärme regulieren können, es bei Rückenverletzungen zu einer Störung der physiologischen Wärmeregulation kommt oder durch Verbrennungen die Hautbarriere gestört ist.

Der Survivalpriorität Wärme begegnen wir durch Wissen über Physik und Physiologie, sowie der Wahl geeigneter Kleidung und Ausrüstung. Dieses Wissen hilft uns auch bei der Wahl des geeigneten Lagerplatztes und dem sinnvollen Bau von Sheltern. Durch spezielles Training können wir unsere körperliche und geistige Widerstandskraft gegenüber Hitze und Kälte verbessern.


3. Wasser

Unsere Körpermasse besteht zu über der Hälfte aus Wasser. Flüssigkeit geht durch Ausscheidung und Verdunstung verloren. Dabei können die Wassermengen, die wir täglich aufnehmen und abgeben, erheblich schwanken. Um diese Schwankungen abzupuffern, übernimmt die Niere eine wichtige Regulationsfunktion.

Durch den Dochteffekt werden kleinste Mengen Wasser aufgefangen.

Ein Survival-Klassiker: Abkochen von Wasser mit heißen Steinen in der Regenjacke.

Bei der Survivalpriorität Wasser geht es insbesondere um folgende Fragen:

  • Wo finde ich Wasser?
  • Wie beurteile die die Wasserqualität?
  • Wie bereite ich es zu Trinkwasser auf?
  • Wie kann ich das Trinkwasser haltbar machen und transportieren?

4. Nahrung

Unser Körper ist auf lange Sicht essentiell auf die Versorgung mit Brennstoffen angewiesen. Das sind vor allem die drei sogenannten Makronährstoffe:

  • Kohlenhydrate
  • Fette
  • Eiweiße

Deswegen geht es in einer Survival-Situation weniger darum, welche schmackhaften aber wenig energiereichen Kräuter oder Pilze man essen kann, sondern viel mehr um die Frage „Wo bekomme ich ausreichend Kalorien her?“. Um uns weltweit sicher Nahrungsquellen erschließen zu können ohne alle Tier- und Pflanzenarten mit ihren Eigenschaften auswendig lernen zu müssen, helfen uns fundierte Kenntnisse über die biologische Systematik von Lebewesen. Denn nahe miteinander verwandte Arten z.B. der gleichen Gattung oder Familie haben oft ähnliche Eigenschaften in Bezug auf Bestimmung, Genießbarkeit, Giftigkeit, Nutzung und Zubereitung.

Bei der Survivalpriorität Nahrung geht es insbesondere um folgende Fragen:

  • Welche Tiere und Pflanzen sind essbar und bieten ausreichend Energie?
  • Wo finde ich diese und wie kann ich sie mir aneignen?
  • Wie kann ich sie verarbeiten, damit sie bekömmlich werden?
  • Wie kann ich sie haltbar machen und transportieren?

Proteinreiche Felsengarnelen

Kohlenhydratreiche Heidelbeeren

Die Bedeutung der Reihenfolge dieser vier primären Survival-Prioritäten ist durch die Pufferkapazität unseres Körpers bestimmt. Unser Körper ist kaum in der Lage, Sauerstoff zu speichern, wohingegen Nahrung in großen Mengen gespeichert werden kann. Diese Fähigkeit unseres Körpers, Nahrung zu speichern, ist in der Zivilisation mit der steigenden Zahl an fettleibigen Menschen und den damit einhergehenden Zivilisationskrankheiten ein Problem, jedoch im Notfall ein großer Vorteil.

Aus den vier primären Survival-Prioritäten leiten sich die notwendigen Survival-Kompetenzen ab, um kritische Situationen gut zu meistern.

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